Trip to Toronto

Trip to Toronto

2.7.2014

Jetzt nehme ich euch mal mit ins Szeneviertel Kensington Market. Es liegt mitten in der Stadt (Downtown) etwas westlich vom Dundas Square bzw. der Spadina Avenue, direkt im Anschluss an Chinatown.

Der Kiez gehört zu den am meisten fotografierten Quartieren in Toronto. Eine kunterbunte Mischung aus bunten Häusern, teils alt und im viktorianischen Stil. Sie beherbergen Cafés, Läden und Marktstände im Freien, oft ziemlich skurril, ich glaube, früher hätte man „hippiemäßig“ dazu gesagt. Ganz früher (also so um 1815 herum) stand hier mal eine kleine Garnison Kavallerie mit Reitanlage und Unterkünften für die Soldaten. Später wandelte man das in Wohnungen für Einwanderer um, es entstanden viele Reihenhäuser und in den darauf folgenden Jahrzehnten trieben die Neubürger Torontos hier einen regen Handel. Vor allem europäische Importware stand hoch im Kurs, die Leute wollten halt das kaufen, was sie von „zu Hause“ kannten. Osteuropäische Juden siedelten sich in großer Zahl an und gründeten Bäckereien, Schneidereien, Schusterläden und vieles mehr. Nach dem zweiten Weltkrieg zogen die Juden weg und viele Asiaten ein, ihnen folgten Lateinamerikaner und zahllose Studenten. Multi-Kulti-Imbissläden und Minirestaurants florieren, obwohl (oder vielleicht gerade weil) die Gegend eher ein bisschen verrucht und siffig aussieht.

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Ganz besonderer Stil im Kensington Market

 

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Bin ich irgendwie komisch, wenn ich mir hier KEIN Tattoo stechen lassen würde?

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Alles so schön bunt hier…

Im Kensington Market also ein Sammelsurium an Flohmarktläden, indische Klamotten, Metal-Look, Gothic, Lampen, Tücher, Räucherstäbchen. Keine Ahnung, was es in den Hinterstübchen so alles gibt…

Das ist aber noch nicht alles. Viele Künstler der unterschiedlichsten Richtungen haben sich hier angesiedelt, teilweise verkaufen sie aus ihren Werkstätten heraus auch Unikate. Der eine oder andere Discounter hat’s geschafft hier zu bestehen neben den ganzen Individualisten. Aus der Historie heraus finden sich im Kensington Market auch ganz viele Lebensmittelgeschäfte aus aller Herren Länder. Deutsche Wurst, Schweizer Käse, Vietnamesischer Reis und Indische Gewürze, nur um mal ein paar Beispiele zu geben.

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Nüsse und getrocknete Früchte – da darf allerdings jeder mal reinfassen und deshalb würde ich lieber die Finger davon lassen…

 

 

 

 

1.7.2014

Canada-Day! Das ist der kanadische Nationalfeiertag, er erinnert an die offizielle „Gründung“ Kanadas am 1. Juli 1867, zunächst für viele Jahre als Bundesstaat des Britischen Commonwealth. Ungefähr seit der Entdeckung Amerikas Ende des 15. Jahrhunderts war es auch im Norden des Kontinents hoch hergegangen, vor allem Franzosen und Engländer stritten sich hier gewaltig um die riesigen Ländereien, die höchst begehrte Handelswaren boten. Pelze zum Beispiel aus den unvorstellbar großen Wäldern mit Bären und Bibern – Fische, die ganz im Osten des Landes und auf Neufundland gefangen, getrocknet und nach Europa verschifft wurden. Farmland, Wasserkraft und -verkehrswege Jeder wollte ein Stück des leckeren Kuchens abhaben. Die USA als südliche Nachbarn natürlich ganz besonders! Mal nicht zu vergessen die Ureinwohner („First Nations“), denen das Ganze hier ja wohl gehörte und das sie so gar nicht gerne mit den in immer größerer Zahl einströmenden Europäern und Asiaten teilen wollte. Kriege und Schlachten und Verhandlungen, Verträge, auch solche, die gebrochen wurden, ein ewiges Hin und Her. Am 1. Juli 1867 dann der British North America Act, und das feiern die Kanadier nun seit 135 Jahren.

Schon Tage vorher werden die Häuser mit Nationalflaggen geschmückt und mit Wimpeln dekoriert. In den größeren Städten, wie auch in Toronto, finden Paraden statt, Open Air-Konzerte, Flugzeuge überqueren die Städte im Formationsflug, es gibt Schiffsparaden, öffentliche Reden und vieles mehr. In Toronto fanden dieses Jahr vor allem Familienfeste, Rummelplätze und Picknicks statt. Hier bei uns in „The Beaches“ gibt es mehrere Parkanlagen, die waren rappelvoll, da reihte sich Picknickdecke an Picknickdecke, Grill an Grill. Mit Autos, Fahrrädern oder öffentlichen Verkehrsmitteln waren sie gekommen, die Familien mit Kind und Kegel. Mir ein Rätsel, wie die ihr gesamtes Equipment transportiert haben! Da gibt’s nicht nur Rote vom Grill (also das wahrscheinlich am allerwenigsten), da wird richtig aufgefahren, der Barbecue-Fantasie sind keine Grenzen gesetzt.

Höhepunkt des bunten Treibens (und an dieser Stelle betreten Toni, Rob und ich die Bühne): das große Feuerwerk. Da schießt und ballert nicht jeder, wie es ihm/ihr gefällt, sondern das Ganze ist professionnell organisiert und wird von einer zentralen Abschussrampe abgefeuert. Sehr, sehr schön anzuschauen über dem Ontariosee, auf dem sich bunt beleuchtete Schiffe tummeln, im Hintergrund die Skyline Torontos – und am ganzen (immerhin 3 km langen Strand) tausende von Menschen, die das Spektakel mit großer Begeisterung betrachten.

 

30.6.2014

Mast und Schotbruch! Heute geht’s hinaus aufs Wasser!

Bei günstigen Angeboten muss man ja ohne zu zögern zugreifen. Zwei Stunden auf, na ja, nicht gerader auf hoher See – aber auf einem Segelschiff im Ontariosee, das hat uns bei strahlendem Sonnenschein gereizt, zumal der Preis stimmte. Segeltörn wäre vielleicht ein wenig hochtrabend, die „Kajama“ ist ein Ausflugsschiff, das seit 20 Jahren unter kanadischer Flagge segelt. Es stammt von der deutschen Schiffswerft Nobiskrug in Rendsburg, lief 1930 als Motorsegler vom Stapel und fuhr dann als Frachtschiff in Nord- und Ostsee. Also ich als Landratte fand den Dreimaster ganz schön beeindruckend.

Segelschiff "Kajama"

Segelschiff „Kajama“

 

Fast 40 Meter lang, sieben Meter breit und hoffentlich immer eine Handbreit Wasser unterm Kiel, der in 3,70 Meter Tiefe liegt. An Bord außer uns noch etwa 50 weitere, bestens gelaunte Passagiere. Einige durften nach dem Ablegen gleich mal mit Hand anlegen und die Segel hissen.

Die Crew überlässt den Touristen die Arbeit: Segel hissen

Die Crew überlässt den Touristen die Arbeit: Segel hissen – klar: ein Showeffekt, der aber allen Spaß gemacht hat

 

Die Fahrt (sagt man das beim Segeln?) ging zunächst Richtung Westen entlang der Waterfront, also dem Hafen- und Uferbereich von Toronto City. Wie immer seeeehr gegenwärtig und allüberall zu sehen: der CN-Tower. Das Rogers-Stadion mit seinem weißen Kuppeldach, das bei schönem Wetter in kürzester Zeit geöffnet werden kann. Die berühmte Skyline von Toronto mit ihren gewaltig nach oben strebenden  Hochhäusern, dazwischen wieder alte oder auf alt getrimmte Gebäude, Messehallen, Sportstätten und vieles mehr. Mit geblähten Segeln nähern wir uns Mississauga, dem Trabanten von Toronto. Segelyachten und Motorboote kommen uns entgegen, umkreisen uns oder segeln ein Stückchen mit. Nach einer Stunde wendet der Kapitän das Schiff und wir wechseln die Perspektive. Die Toronto Islands tauchen auf – auf einer der Inseln befindet sich ein kleiner Flughafen, wo Kurz- und Mittelstreckenflugzeuge starten und landen können – das ist jetzt optisch nicht berauschend, aber schon was Besonderes, wenn die Passagiermaschinen direkt über der Wasserfläche einschweben. Wer unbedingt mit dem Auto da hin will, der nimmt die Fähre, die Entfernung zum Festland beträgt nur ein paar hundert Meter. Die Inseln sind untereinander verbunden – ein riesiger Natur- und Freizeitpark, den wir in den nächsten Tagen noch besichtigen werden.

Toronto Harbourfront

Toronto Harbourfront

 

Auf den Toronto Islands liegt unter anderem ein kleiner Flughafen

Auf den Toronto Islands liegt unter anderem ein kleiner Flughafen

29..2014

Die Damenwelt vor gut 150 Jahren oder so hatte es bestimmt nicht leicht. Wenn man denen bl0ß mal untern Rock guckt! Kennt jemand noch den alten Begriff „Krinoline“, besser vielleicht als „Reifrock“ bekannt? Für Dienstmädchen oder Mägde gilt das jetzt nicht, aber Ladies trugen unter ihren schweren langen Roben so eine Krinoline, ein eng geschnürtes Mieder, lange Unterhosen und viele Unterröcke. Damit ging’s nicht nur treppauf, treppab, sondern auch über hölzerne Bürgersteige und schlammige, weil ungeteerte Dorfstraßen. Wieder mal ein Ausflug in die Historie! Ein Besuch im Black Creek Pioneer Village. Das „Freilichtmuseum“ liegt im Norden Torontos am Murray Ross Parkway.

BlackCreekVillage_Eingang

Die Toronto and Region Conservation (TRCA) hat hier, eigentlich mitten in einem Industriegebiet, eine nordamerikanische Siedlung um 1860 perfekt abgebildet. Vom Industriegebiet kriegt man nur auf der Anfahrt was mit, das Museumsdorf liegt inmitten von grünen Wiesen und Wäldern, unglaublich, aber Kanada! Die wichtigsten Dinge im damaligen Leben mal aufgeführt: Kirche, Schule, Rathaus, Doktor. Kneipe natürlich – mit eigener Brauerei. Das heißt dann nicht etwa „Saloon“ oder so, sondern vornehm „Halfway House“ – also das Haus, das du erreichst wenn du einen Teil der Wegstrecke schon mit Pferd oder Kutsche hinter dir gelassen hast. Man hätte es auch „Poststation“ nennen können oder ganz simpel „Schänke“. Vom Bäcker, Schuster, Schmied und Sattler bis hin zur Getreidemühle, Schweinezucht und Farmhaus mit Hühnerhof fehlt nichts an der dörflichen Idylle.

BlackCreekVillage_Wohnhaus

Unten Klempnerwerkstatt, oben Zimmer frei…

BlackCreekVillage_Werkstatt1

Waschschüsseln, Gießkannen und Ofenrohre, aber auch Lampenschirme aus Blech

Es folgen noch ein paar Bilder, denn (typisch!) mitten im Black Creek Village ging mir der Akku aus und ich muss auf Bilder von Rob zurückgreifen, die folgen in Kürze.

Jedenfalls: die reifrockgeplagten Damen spannen Wolle, strickten Pullis oder Socken und nähten Quilts (so eine Art Patchworkdecke), und zwar von Hand! Nähmaschinen gab’s erst später. Die originalgetreuen Häuser haben jeweils einen stilvoll bekleideten Betreuer, der jedem Besucher Anekdoten erzählt und Fragen beantwortet – wie wohltuend: keine Massenführungen, sondern jeder geht ganz individuell da rein, wo’s ihn interessiert und wird individuell behandelt. Es standen aber auch nicht gerade Massen vor den Türen…

Den Betreuern und Betreuerinnen blieb sogar noch genügend Zeit, „homemade Cookies“ (also Kekse) zu backen, als Versucherle, Bier zu brauen oder Gürtel herzustellen oder was auch immer sich in den Häusern thematisch so abspielen sollte. Die TRCA hängt sich da schwer rein – das ganze Jahr über lockt das Museumsdorf mit Veranstaltungen vom historischen Tanz über Back- und Kochaktionen bis zum Bierbrauen oder Basteln. So, das soll’s jetzt aber fürs Erste gewesen sein mit historischen Abhandlungen.

 

27.6.2014

Zeitsprung! Habe heute den Kollegen Mackenzie getroffen und mir mal erzählen lassen, wie das so war mit dem Zeitungswesen im frühen Toronto. Dieser William Mackenzie war ein ziemlich rebellischer Journalist und Herausgeber des „Colonial Advocat“ – einem Blatt, das die Highsociety aufs Korn nahm und politische Willkür schonungslos aufdeckte. Demokratie und Bildung für alle – so hieß das Credo von William, dem Rebellischen. Das Volk liebte den aus Schottland Eingewanderten und wählte ihn erst ins Regionalparlament, später zum ersten Bürgermeister von Toronto (1834, davor hieß die Stadt York). Selbst in Amt und Würden hörte er allerdings nicht auf, im politischen Sumpf zu wühlen, Skandale und Korruptionsfälle aufzudecken. Weshalb man ihn zehn Jahre lang ins Exil nach USA schickte. Gnädigerweise durfte er mit seiner Familie wieder zurückkehren, eine neue Zeitung gründen und eine Druckerei betreiben. Ein frühes „Crowdfunding“ unter seinen glühenden Anhängern (Mitte des vorletzten Jahrhunderts) brachte ihm ein Haus in der Bondstreet ein. Und dort haben wir uns nun getroffen.

Nicht wirklich natürlich. Das Haus ist ein Museum mit authentischer Inneneinrichtung (so wie der „gehobene Mittelstand“ seinerzeit halt gelebt hat samt Kindern und Dienstmädchen).

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Mackenzie-Haus, 82 Bond Street, Toronto

Highlight für jeden Journalisten ist in diesem Haus sicherlich nicht die Küche, der Salon oder das Schlafzimmer (siehe Galeriefotos). Sondern die Druckerei, die in einem Anbau nachträglich fast originalgetreu ausgestattet worden ist. Also ehrlich, natürlich weiß jeder, dass es mal „Bleisatz“ gab, jeder kennt die Gutenbergsche Druckpresse und ihre zahlreichen Varianten. Aber so wirklich gesehen hab ich das bisher nicht. Ich kenne Zeitung und Druck nur mit Computer! Und ein Setzkasten, ja der hängt bei mir an der Wand, aber da denkt ja keiner drüber nach, was das mal war. Im Mackenzie-Haus schaut das Szenario folgendermaßen aus:

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Historische Druckerei (um 1850)

Der „Colonial Advocat“ (1834 bis 1839) erschien 14tägig und bestand aus einem Blatt, vorne und hinten bedruckt. Eigentlich war alles wie heute: redaktioneller Teil, Anzeigen, keine Fotos allerdings, nur ein paar kleinere Illustrationen, aus dem Stehsatz vermutlich. Mackenzie recherchierte und schrieb dann die Texte von Hand. Dann dauerte es bis zu vier Tage, die Texte zusammenzubauen und die Einzelteile in druckfähiger Form zu montieren, Die Drucker mussten wirklich jeden einzelnen Buchstaben zusammenpuzzeln (für Kenner: 6 Punkt im Text, Überschriften geschätze 20-24 Punkt, fett, halbfett, mager – gab es alles) , die Druckplatte wurde mit Tinte eingestrichen, jedes einzelne Blatt aufgelegt und gepresst. Wow! Gut, ich gebe zu, der Output heutzutage ist dann doch um einiges größer, gell!

Um an diesem „historischen“ Nachmittag noch eins oben drauf zu setzen: an der Ecke George Street/Adelaide Ave. in Toronto befindet sich das erste und damit älteste Postamt der Millionenmetropole. Es ist noch in Betrieb, viele Original-Einrichtungsgegenstände, aber natürlich aufgehübscht. Mittendrin eine Schreibstube, wo der geneigte Besucher auf einem Briefbogen wie damals mit spitzer Feder und Tinte ein paar Sätze zu Papier bringen und das Werk dann verschicken darf. Hab ich natürlich gemacht…und ich sage euch: das Schreiben war schwieriger als gedacht (soll ja nach was aussehen!). Die Tinte wurde mit Sand getrocknet, der Briefbogen auf eine sehr effektive Art zusammengefaltet und mit Wachs versiegelt. Ratet, wer diesen Brief bekommt?

26.6.2014

Deutschland ist im Achtelfinale, yeah! Das Spiel gegen die USA gesehen in der „Real Sportsbar“ beim Air Canada Center. Jetzt weiß ich, was XXL bedeutet. Auf ihrer Webseite bezeichnet sich die Sportsbar als die „größte in Nordamerika“ – nicht nachgeprüft, aber das glaube ich sofort.

Real Sportsbar Toronto

Real Sportsbar Toronto

Viele Deutsche (was man an den T-Shirts erkennen konnte) waren da, aber nicht genug,  dass hier eine Bombenstimmung herrschen konnte – wir sind halt auch nicht am Brandenburger Tor, sondern am Lake Ontario und Kanada nimmt nicht an der WM teil. Wahrscheinlich hielt es sich zahlenmäßig die Waage mit den US-Amerikanern – und ich schätze mal, der Kanadier an sich ist eher für Germany gewesen, oder für den leckeren Burger auf seinem Teller…

Nächste Station für mich: St. Lawrence Market. Eine Markthalle, wiederum im XXL-Format. Auf zwei Stockwerken gibt es kulinarische Genüsse in einer schier unglaublichen Vielfalt. Obst und Gemüse, Fleisch und Wurst, Fisch und Meeresfrüchte, Brot und Backwaren ebenso wie Gewürze und noch viel mehr. Hier findet man fast alles, was das Herz begehrt, nicht nur zum Kochen und Essen, sondern auch Kunsthandwerk (und viel Touristen-Kruscht). Erstaunlich preiswert gehen hier auch Produkte der gehobenen Kategorie, wie Rinderfilets und Hummer, übern Tresen. Da lohnt sich auf alle Fälle der stramme Fußmarsch von der Straßenbahnhaltestelle. Auch architektonisch lohnt sich ein Blick in die Urzelle aller Märkte in Toronto. Schon, als Toronto noch York hieß, zu Beginn des 19. Jahrhunderts, kam ein schlauer Mensch auf die Idee, dass ein zentraler, überdachter Markt für Händler und Käufer von Vorteil sein könnte. So eine bahnbrechende Idee war das jetzt auch wieder nicht, denn das gab es ja in Europa schon im Mittelalter, aber auch in York/Toronto kam das extrem gut an. Der Marktplatz entwickelte sich rasant, wurde auch für Kulturveranstaltungen genutzt und beherbergte eine Zeitlang die Stadtverwaltung. Die über 200jährige Geschichte des St. Lawrence Market ist eine wechselhafte – Aufbau und Blüte, Abriss und Neubau, ein verheerender Brand zwischendurch, wie es so alten Gebäuden eben mitunter geht.

St. Lawrence Market

St. Lawrence Market

 

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St.Lawrence3

 

Die Stände in diesem Gebäude sind fest vermietet an Händler, nördlich der Frontstreet gibt es noch ein weiteres Marktgebäude, wo samstags Farmermarkt ist – das sind dann überwiegend Landwirte und Erzeuger, die ihre Waren anbieten, also so eine Art Direktvermarktung.

24. 6. 2014

Der Toronto-Tourist pilgert irgendwann in die alte Schnapsbrennerei am Ufer des Lake Ontario. Auch wenn er überhaupt keinen Schnaps mag, so wie ich. Der „Distillery District“ ist ein absolutes Muss. Eine riesige Fabrikanlage, die nicht mehr in Betrieb ist und wo sich in den alten Produktions- und Lagerhallen jede Menge Kunsthandwerk niedergelassen hat. Vom Perlenschmuck bis zu antiken Möbeln – hier kannst du stundenlang stöbern, viele Läden kommen allerdings ziemlich edel daher und sind entsprechend teuer.

Link:  Mehr über den Distillery District

Die Historie der einst größten Whiskey-Destillerie des Britischen Empires begann 1830 mit einer romantischen kleinen Getreidemühle am einsamen Ufer des Ontario-Sees. Mit der Whiskey-Brennerei begannen die Herren Gooderham und Worts, weil es Getreideüberproduktionen gab. Das Unternehmen mauserte sich in den nächsten zwanzig Jahren zu einer der schönsten und facettenreichsten Industrieansiedlungen im viktorianischen Zeitalter mit eigener Werft, Eisenbahngleisen, praktischerweise wurden sogar die Fässer an Ort und Stelle gebaut, Flaschen abgefüllt. Der Mikrokosmos Gooderham and Worts galt sogar als größter Whiskey- und Spirituosenlieferant der Welt, der ganz Nord- und teilweise Südamerika belieferte. Mit der Prohibition in den 20er Jahren des letzten Jahrhunderts ging es dann allerdings bergab mit der Firma, die Brennkessel produzierten notgedrungen nur noch Aceton, was man für bestimmte Waffen und Sprengstoffe brauchte. Nach dem zweiten Weltkrieg verlegte sich ein neuer Eigentümer auf Rum und Liköre. 1980 wurde der Betrieb eingestellt.

Im Distillery District

Im Distillery District

Die Filmindustrie entdeckte den Distillery District als düstere Kulisse – viele bekannte Hollywoodszenen wurden hier gedreht. 2003 eröffnete dann die Mall mit hippen Läden, Kunstausstellungen, Theater- und Gastronomiebetrieben. Seitdem pilgern täglich unzählige Besucher hin, Stadtrundfahrten machen Station. Witzigerweise ist Alkohol überall verboten, außer in einem ganz kleinen Bereich: Millstreet Brew Pub mit Bierhalle. ANGEBLICH wird dort nach deutschen Rezepten Bier gebraut. Angepriesen wird auch (als „typisch deutsch“) Bierschnaps. Kennt das jemand? Ach ja und noch was aus der Heimat: Riesenschnitzel im Brötchen. Ich hab’s nicht probiert, aber lecker sah’s aus.

 

23. 6. 2014

„Tagesbefehl“ aus dem Headquarter: im Oliver & Bonacini Diner „Bannock“ einen Restaurantgutschein besorgen und unverzüglich zur German International School bringen. Mein erster Ausflug Richtung Downtown und mein erster Kontakt mit dem öffentlichen Nahverkehr in der Millionenmetropole Toronto. Spannend insofern, weil das Ganze ein bisschen unter Zeitdruck war. Der Gutschein sollte bei einer offiziellen Verabschiedung überreicht werden und das war nun wirklich auf den letzten Drücker. OK. Mit der Straßenbahn also mitten rein, die richtige Kreuzung erwischen, Gutschein kaufen, zurück bis zur U-Bahn-Station, dann erst nach Norden, wieder umsteigen und nach Westen. So ein bisschen verloren fühlt man sich dann schon in diesem Spinnennetz von Straßen und Stationen, aber es lief dann reibungsloser als befürchtet.

Das Straßenbahn- und U-Bahnnetz in Toronto ist nach New York und Mexico City das drittgrößte auf dem amerikanischen Kontinent. 69 U-Bahnstationen, mehr als 500 Busse und ein 75 Kilometer langes Straßenbahnnetz gibt es und das System ist gar nicht so schwer zu durchschauen, selbst für einen Anfänger wie mich in Sachen öffentlicher Nahverkehr. Die Stadt ist ohnehin schachbrettartig aufgebaut, es geht also immer von Ost nach West oder von Süd nach Nord, bzw. natürlich auch umgekehrt.

Und ehrlich gesagt: auch wenn man mal ein paar hundert Meter laufen muss, fahre ich hier lieber mit Bus und Bahn, als mich im Leihauto durch verstopfte Straßen zu quälen und ein teures Parkhaus zu suchen. Ich hab mir eine Wochenkarte gekauft, die kostet 39 Dollar, das sind ungefähr 25 Euro. Damit kann ich kreuz und quer durch Toronto fahren, wohin und so oft ich will.

Zentraler Platz in Toronto: der Dundas Square

Zentraler Platz in Toronto: der Dundas Square

Erst die Pflicht und dann das Vergnügen: nach erfolgreicher Mission (Ablieferung des Restaurantgutscheins) hab ich mich erst mal auf den Dundas Square gesetzt und Toronto auf mich wirken lassen. Dann Eaton-Center. Dazu später mehr.

 

22. 6. 2014

Thema des Tages heute: Einkaufen im Supermarkt. Sonntag ist für viele Berufstätige in Toronto Shopping-Day. Alle großen Supermärkte haben tagsüber ganz normal geöffnet und locken mit neuen Sonderangeboten. Zeit für den wöchentlichen großen Rundumschlag. Wir sind bestens präpariert für die Schnäppchenjagd. Da, wo ich herkomme, wälzen wir immer noch gerne mal am Wochenende die Aldi-, Lidl- oder REWE-Prospekte – und ich hab noch gar nicht recherchiert, ob’s bei uns dafür auch schon eine App gibt. Rob galt früher als Prospekte-Maniac, heute zieht er sich die Deals aller Märkte aufs Smartphone, bastelt sich daraus fix eine Einkaufsliste und los geht‘s. Im Grunde muss er eigentlich nur noch zum FreshCo, denn dort gibt’s „Price Match“ – die geben alles, was in einem anderen Supermarkt billiger ist, zum gleichen Preis her. Früher musste man dazu die gesammelten Prospekte mitschleppen, heute langt die genannte App als Nachweis. Das gefällt mir!

Obwohl ich die Giganto-Supermärkte schon von früheren Kanada-Aufenthalten kannte, kam ich mir am Sonntag dann doch wieder wie so ein kleines Provinzmäuschen vor, das mit glitzernden Augen kilometerweise Regale und Tiefkühlschränke abläuft. Alles so schön bunt hier – und so akkurat und so vielfältig und so verführerisch hin gestapelt! Egal was und sei es noch so speziell. Mir wird ganz schwindelig, wenn ich alleine an die Mehl- oder Zuckerregale denke – muss ich das jetzt alles durchlesen und am Ende eine ENTSCHEIDUNG treffen? Vielleicht will ich in einer anderen Abteilung einfach nur einen Liter Milch kaufen – jetzt steh ich vor 20 verschiedenen, die sich in Herkunft, Haltbarkeit, Fettgehalt, Soja oder Kuh, mit oder ohne Lactose usw. unterscheiden! Hilfe!

Und da frage ich mich, wie eine „normale Hausfrau“ mit diesem Überangebot klar kommt. Also mich würde das so im Alltag vermutlich ein bisschen überfordern. Oder du brauchst einen ganz konkreten Plan. Wo bleibt aber da die Spontanität?

Vielleicht ist es aber auch nur Gewohnheit und Übungssache. Toni und Rob haben das jedenfalls ganz gut im Griff. Und was so ein kanadischer Kühlschrank an Wochenvorrat fassen kann, wenn man’s kreativ anfängt, das ist schon sehr bemerkenswert. Sogar die Kaffeebohnen stehen kalt. Da kann ich doch glatt noch was dazulernen. An meine „Mitbewohner“ zuhause: wenn ich wieder da bin, werden GANZ neue Seiten aufgezogen, ihr Kühlschrankbanausen!

 

21. 6. 2014

Olé, olé – Deutschland gegen Ghana. Ja, auch in Kanada liegen Menschen im Fußballfieber. Hier gibt’s natürlich jede Menge Italiener, Spanier, Griechen und sonstige Nationen, die an der WM teilnehmen. In „Little Italy“ oder im „Greek Village“ hängen ganze Straßenzüge voll mit den jeweiligen Flaggen. Man könnte meinen, jeder (aber auch wirklich jeder) trägt ein Fantrikot und sonstige beliebte Accessoires. Vor, während und nach dem Spiel wird auf der Straße getanzt – je nach Ergebnis natürlich. Deutschland sieht da vergleichsweise ein bisschen alt aus, denn ein germanisches Viertel gibt es leider nicht. Aber gottseidank die „German International School Toronto“, und da ging’s hoch her an diesem Samstag – zünftig mit Stadionwurst und Brezeln. Leider ohne Bier, denn da sind die Kanadier äußerst konsequent. Ein Fest mit Kindern in einer Schule – da gibt’s keinen Alkohol. Basta. Geht gar nicht! (Aber schön wär’s schon gewesen).

Deutschland gegen Ghana

Deutschland gegen Ghana

Ich erwähne nur am Rande, dass Antonia dieses Public Viewing für cirka 200 Leute gemanaged hatte und dass ihre Mama Würstchen und Getränke verkauft hat. Es gab auch Kaffee und Kuchen, was ich persönlich beim Fußball eher ungewöhnlich finde.

Das hat alles super Spaß gemacht und abends taten die Füße weh. Ich erwähne ferner, dass die Würste und Brezeln („Pretzels“) fast wie zuhause schmeckten. Es gibt hier in Toronto Metzger, Bäcker und Köche aus Germany, die vieles in der Geschmacksrichtung „deutsch“ anbieten. „Dimpflmeier“, jo mei, da kriegt man Brote wie in München (da hat der alte Bäckermeister Alfons Dimpflmeier in den 50er Jahren ursprünglich seine Teige geknetet). Allerdings sollte man sich jetzt keinen schnuckeligen kleinen Tante-Emma-Bäckerladen vorstellen, sondern das ist schon eher ein Back-Supermarkt, wo’s natürlich auch schlaffes Toastbrot sowie leckere Bagels und Donuts gibt. Aber vor allem für das gute Roggenbrot vom D. fährt meine Tochter schon mal quer durch Toronto City!

 

20. 6. 2014

Dass der erste Tag meines Kanada-Aufenthalts auf einer schwul-lesbischen Party enden würde, das hätte ich nun wirklich nicht gedacht. Aber schön der Reihe nach…

Reden wir erst mal über den Jet-Lag. Toronto ist der deutschen Zeit sechs Stunden hinterher. Als ich gestern hier ankam, war es zuhause cirka 22.30 Uhr, vernünftige Menschen denken langsam an Schlafenszeit. Die Uhren in Pearson zeigten natürlich 16.30 Uhr an. Und das ist jetzt erst mal die große Kunst und der Trick an der Sache: DURCHHALTEN! Und wenn du fast vom Stuhl kippst oder dir die Gabel aus der Hand fällt. Bis mindestens 11 Uhr nachts wird wachgeblieben. Dann ist es in Deutschland natürlich schon 5 Uhr morgens und du bist so gesehen schon seit 23 Stunden auf den Beinen. Aber da gibt’s kein Pardon!

Das ist anstrengend, aber nur so hast du die Chance, am nächsten Tag um sieben, acht Uhr (TO-Zeit natürlich) frisch und munter aufzuwachen und fast sofort in den neuen Rhythmus zu kommen.

Zeit, sich das Stadtviertel und vor allem den Strand mal näher anzuschauen.

Strand mit Boardwalk

Vom Headquarter bis zum See ist es nur ein Katzensprung. Der Plan lautet: morgens so oft wie möglich laufen. Mal sehen, was daraus wird. Der Strand ist üppig breit und vor allem lang, insgesamt 3 Kilometer von Woodbine Beach über Kew und Scarboro bis Balmy Beach. Und hier ist Läufers Paradies: ein breiter „Boardwalk“ über dem Sand. Da sind Junge (eher schneller) unterwegs, Alte (bissl langsamer) und jetzt auch ich. Hunde müssen hier an der Leine geführt werden und wer das jetzt gemein findet, dem sei gesagt: es gibt auch ein Hundeparadies. Einen riesigen abgezäunten, weitgehend Natur belassenen Bereich fürs Hundi – was leicht untertrieben ist, denn offensichtlich haben die Torontinos einen Faible für Riesenviecher. Ich hätte schwören können, dass eine ältere Lady ihren Schwarzbären ausführt, aber Bären bellen nicht!

Ursprünglich standen entlang des Ufers bzw. Strandes viele Bäume und nur vereinzelt ein paar Häuser. Vor hundert Jahren wurde dann kräftig gerodet, es entstand ein edles Stadtviertel östlich vom ursprünglichen Toronto, mit Häusern im viktorianischen Stil. Dazu später mehr. Der Boardwalk jedenfalls erfreut Spaziergänger und Läufer schon seit 1932.

Das hier ist zwar ein Werbefilm, aber der macht richtig Laune auf „The Beaches“ und genau so wie gezeigt ist es auch:

Link:  https://www.youtube.com/watch?v=Qw2S2NtAAa0

Ein paar Schattenseiten, die es ja überall gibt, müssen erst noch aufgespürt werden, ich werde sie euch gegebenenfalls nicht vorenthalten.

Nun noch kurz zur Schwulenparty: „Worldpride“ ist eines der weltweit größten Events für Lesben, Schwule und Transsexuelle, ähnliche Events fanden bereits in Rom, London und Jerusalem statt. Teile der Innenstadt rund um die Wellesley Street und das Gay Village haben sich deshalb für zwei Wochen in eine riesige Partyzone mit diversen Festivals, Kongressen und Paraden verwandelt. Über eine Million Besucher werden erwartet und wir waren bei der Eröffnung dabei. Es gab nämlich VIP-Tickets vom Hauptsponsor SMART Canada für uns. Das Ganze war als Riesen-Open-Air-Konzert angekündigt (auf dem Nathan Pillipps Square angrenzend ans Rathaus von Toronto). Unter anderem mit Melissa Etheridge, die wollten wir sehen.

Worldpride 2014 Eröffnunng in Toronto

Worldpride 2014/1

Tolle Stimmung, ziemlich schräge Vögel teilweise, und wir halt. Sie haben die Eröffnung aber leider ein bisschen versaut, weil es nach mehr als eineinhalb Stunden Reden, Ehrungen und dem immer wieder gleichen Trailer allmählich mal langweilig wurde. Das groß angekündigte Entrollen und Hissen der Regenbogenflagge war auch ein bisschen enttäuschend, weil das Ding nicht viel größer als mein Badetuch war. Hmmm. Hunger, Durst und wo bleibt eigentlich Melissa? Wir haben es nicht erfahren, denn wir beschlossen den Abend dann beim fröhlichen Inder, das brachte letztlich noch eine Menge Würze ins Spiel.

 

19. 6. 2014

4000 Meilen bis Toronto. Das dauert von Stuttgart über Frankfurt gut 12 Stunden, aber alles easy. Gut, am Frankfurter Flughafen bin ich etwas herumgeirrt und leider dabei in der Räucherkammer gelandet. Dachte, ok noch ein Zigarettchen vor dem langen Flug kann ja nicht schaden. Ich schwöre: nie wieder! Wer einmal da war, weiß wovon ich rede…

Der Toronto Pearson International Airport ist der größte Flughafen des Landes. Er liegt etwa 30 Kilometer westlich der Innenstadt von Toronto und ist per U-Bahn und Bus super angebunden, allerdings wäre das schon eine Herausforderung mit Überseekoffer, Bordgepäck (plus Handtasche natürlich). Ich hatte gottseidank den besten Privatshuttle der Welt: meine Tochter Antonia. Hatte sie vor knapp einem halben Jahr das letzte Mal gesehen. Da war die Freude natürlich groß! Über den Highway 427 und den Gardiner Expressway zügig Richtung „The Beaches“, wo sich für die nächsten vier Wochen mein ganz persönliches „Headquarter“ befindet. Bei Antonia und Rob natürlich, 150 Meter vom Lake Ontario entfernt. Mehr über „The Beaches“ in Kürze.

 

17.Juni 2014

So, die Reisevorbereitungen schreiten voran. Dazu gehört natürlich auch die Chaosbeseitigung in der einen oder anderen Ecke der an sich ganz schnuckeligen Dreizimmerwohnung. Kind, wer weiß, wer da reinkommt! Wenden wir uns also mal einem sehr intimen Thema zu, nämlich dem vorausschauenden Ent- und Versorgen des Kühlschrank-Inhalts. Ist ja wichtig, wenn man sich für einen Monat vom Acker macht, oder? Oberflächlich betrachtet herrscht da natürlich Ordnung und System. Aber mal Hand aufs Herz: wer hat auch schon mal ne schwarze Banane im Gemüsefach gehabt? Was soll die geöffnete Dose gehackte Tomaten hinten rechts? Der „frische“ Ingwer hat wahrhaftig auch schon bessere Zeiten gesehen und irgendwie muss ich wohl den angefangenen Becher Sauerrahm vergessen haben, der sich ein graugrünes Pelzmützchen zugelegt hat. Was für ein befriedigendes Gefühl, wenn nach einer Stunde Putzarbeit die letzte ausgequetschte Senftube, das haarige Marmeladegläschen und das ausgelaufene (undefinierbare) Zeug verschwunden ist, das sich inniglich mit dem zweiten Glasboden von oben vereinigt hat. Gemeinerweise so, dass man’s nicht gesehen hat beim puren Aufmachen des Kühlschranks.

Das ist doch schön und allemal eine Reise wert. Die „Kruschtschublade“ in der Küche, die eigentlich jeder braucht, hat ihre Geheimnisse offenbart, mein Kommentar dazu: ?????. Die „Kosmetikabteilung“ in meinem Bad muss ganz schön teuer gewesen sein – aber weg mit den Tuben und Fläschchen, die höchstens noch einen Bodensatz im Bauch haben. Die ach so praktischen Körbchen und Schächtelchen zur Aufbewahrung der ganzen Kleinteile konnten eine Intensivkur in der Spülmaschine auch mal wieder gut gebrauchen. Die sind ja wie neu jetzt! Mal sehen, wie lang die neue Übersichtlichkeit hält, wenn ich wieder zurück bin.

Die Waschmaschine läuft, der Überseekoffer ist vom Dachboden geholt, die Dollars im Geldbeutel. Hab mir außerdem einen neuen Rucksack gekauft, denn das ist ja praktisch, oder? Es naht die Zeit der Entscheidung: was nehm ich mit? Juni/Juli in Toronto wird heiß! Strand, Shopping, City und Ausflüge aufs Land. Meine „Lieblingsbar“ im 32. Stock über den Dächern von Toronto…Schick will man sein, aber auch kilometerweise laufen können (in den dann, zugegeben, vielleicht nicht ganz so schicken Tretern). Was soll’s -verschieben wir’s auf morgen.

 

6.Juni 2014

Kleine Begebenheit am Rande: ich brauche einen internationalen Führerschein. Das ist eigentlich eine Kleinigkeit und kostet 16,30 € für drei Jahre. Dafür muss ich nicht mal in die Kreisstadt aufs Landratsamt fahren, sondern habe hier vor Ort eine patente (kompetente?) sogenannte „Außenstelle“. Jeder weiß, dass ein wie auch immer geartetes Vorhaben dort sagen wir mal einigermaßen mühsam ist. Mein ersterBesuch dort verlief relativ erfreulich, die Wartezeit war kurz und man versicherte mir, dass ich den „Internationalen“ auch gleich mit nach Hause nehmen kann, wenn ich, ja wenn ich nur ein biometrisches Foto gehabt hätte. Das mit dem fröhlichen Lächeln auf den Lippen gilt leider nicht. Auch kein Problem – kostet mich nur Zeit beim netten Fotoladen um die Ecke und 17,99 €. Dann allerdings wird’s kritisch. An einem sonnigen Freitagvormittag auf der landratsamtlichen Außenstelle, kurz vor Ladenschluss um 12 Uhr ist es proppenvoll. Gewissenhaft durchgezählt sitzen da noch über 30 Leute mit nagelneuen Fahrzeugkennzeichen oder irgendwelchen Papieren in der Hand, die alle noch abgefertigt werden wollen. Meine persönliche Sachbearbeiterin ist natürlich super nett, leider aber auch super langsam und umständlich. Mal nicht zu ausführlich hier an dieser Stelle, aber die Ladies sind wohl aus der Steinzeit der Bürokratie? Glücklicherweise gehen Führerscheine extra, ich muss keine Nummer aus dem Automaten ziehen, wie die anderen Leidenden in diesem Schalterchaos. Nach Erledigung der Formalitäten steh ich allerdings Schlange vor der Kasse und ein kleiner Junge erzählt mir, dass er mit seiner Mama jetzt schon seit über zwei Stunden hier rumhängt. Um 12 Uhr exakt wird der Nummernautomat abgeschaltet, im Wartebereich ist es noch voller geworden. Eine der vier Damen hinterm landratsämtlichen Tresen schaltet demonstrativ ihren Computer aus, schnappt sich das Handtäschchen und verabschiedet sich fröhlich in den Feierabend. So sieht’s aus in Sachen Bürgerfreundlichkeit…Aber jippie: nach nur einer einzigen Stunde in dieser fröhlichen Schalterhalle bekomme ich unter den Augen der dahinsiechenden Fahrzeughalter und -ummelder meinen grauen „Pappendeckel“. Gute Fahrt allerseits!

 

3. Juni 2014

Na super jetzt! Habe heute den Flug gebucht, der mir völlig unerwartet zum Geburtstag geschenkt wurde. Nicht, dass ich in meiner momentan äußerst prekären finanziellen Lage auch nur eine Sekunde daran gedacht hätte, ausgerechnet nach Kanada zu fliegen. Ich hätte vielleicht mal darüber nachgedacht, ein verlängertes Wochenende am Lago Maggiore zu verbringen. Das tut der Seele gut, denn dort ist sowas wie meine „zweite Heimat“ seit vielen Jahren. Aber wahrscheinlich hätte ich mir nicht mal das vom Konto abgeleiert – ich bin nämlich kurzfristig rausgeflogen. Man hat mich eliminiert von dem Job, den ich nun seit 14 Jahren erfolgreich gemacht habe. Es war ein guter, ein interessanter Job, der mich nicht reich gemacht hat, aber von dem ich ordentlich leben konnte. Kein Plan im Augenblick, wie’s weitergehen soll. Ich brauche eine Auszeit!

Und die nehme ich mir jetzt. Ich gehe einen Monat nach Kanada. Ein wunderschönes Land mit ganz lieben Menschen. Zweimal war ich schon in der Provinz Ontario, meine Tochter lebt seit vier Jahren in Toronto. Bei ihr darf ich wohnen.Wer jetzt nur an Wolkenkratzer und riesige Wohnsilos denkt, der irrt gewaltig. „The Beaches“ ist ein schnuckeliges Wohnviertel im Osten der Millionenmetropole mit vielen kleinen Häusern, heimeligen Giebeln samt Veranda. Queen Street East bietet zunächst schon mal fast alles, was man braucht. Viele kleine Läden, Bistros, Eiscafés. Der Strand vom Lake Ontario ist nur einen Steinwurf entfernt. Man braucht noch nicht mal ein Auto, um nach „downtown“ zu gelangen, das „Streetcar“ fährt alle paar Minuten Richtung Stadt. Ich werde euch hier an dieser Stelle ausführlich von meinem Toronto-Trip berichten. Ich fliege am 19. Juni. Bis dahin gibt’s noch einiges zu regeln. Als erstes brauche ich noch einen internationalen Führerschein, denn natürlich will ich vom Umland soviel mitnehmen, wie irgendwie möglich und das geht halt am besten per Auto. Da ich vor allem erst mal relaxen und Abstand von dieser niederschmetternden Joberfahrung bekommen will, habe ich jetzt noch nicht ein durchgestyltes Freizeitprogramm. Das lasse ich total entspannt auf mich zukommen.

Hier schon mal ein erster Eindruck von Toronto…

Bild

Die Skyline von Toronto